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Gabriela Gartrell

Zu meiner Arbeit im Kantonsspital Schaffhausen
(anlässlich der Einweihung des Raums der Stille im Kantonsspital Schaffhausen am 17. Februar 2006)

Schon immer haben mich Buchstaben, die ja eigentlich Zeichen sind, fasziniert. Buchstaben heissen sie wohl erst, seit es Bücher gibt, als Zeichen aber sind sie viel älter.
Als ich vor 10 Jahren begann, mit diesen Buchstaben zu arbeiten entstanden erst Alphabete verschiedener Kulturen.
Dann, eher zufällig, ein Vaterunser, das zu meiner Überraschung ein grosses Echo fand. Und von da war es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Idee der Gebete der verschiedenen Religionen.

Manchmal liegen Dinge in der Luft, die gleichzeitig von verschiedenen Menschen wahrgenommen werden.
Als Herr Frick und Herr Weber, die Seelsorger vom Kantonsspital Schaffhausen, mit der gleichen Idee zu mir kamen, schien es schon fast kein Zufall mehr.
Es war aber genau umgekehrt, als man sich die Arbeit des Künstlers oft vorstellt. Es gab nicht plötzlich die Möglichkeit, einen Raum frei zu gestalten oder eine Idee zu verwirklichen. Nicht meine Idee, sondern der Raum, der entstehen sollte, war die bestimmende Ausgangslage. Ein Raum der Stille, in dem alle fünf Weltreligionen vertreten sein sollten.

In der Kalligraphie geht es darum, sich der Gesetzmässigkeit der Zeichen, in diesem Falle der Buchstaben, unterzuordnen. Beim Raum der Stille in Schaffhausen ging es auch darum, die Buchstaben dem Gebet unterzuordnen. Und die Gebete wiederum der Tradition. Es ging nicht um Gebete, die mir oder jemandem in einer andern Kultur besonders gut geallen und sich schön hätten schreiben lassen, oder vielleicht auch einfacher zu übersetzen oder zu verstehen gewesen wären.
Ich suchte nach Gebeten anderer Religionen aus meinem Verständnis, meiner Tradition des Christlichen heraus, die den gleichen Stellenwert oder die gleiche Verwurzelung haben wie unser Vaterunser.
Die wichtigste Arbeit war das Bestimmen dieser Gebete.
Religiosität ist auch in andern Kulturen etwas sehr Persönliches.

Manchmal war es schwierig. Ich suchte Menschen, die meine innere Absicht verstehen wollten und bereit waren, in ihrer eigenen Kultur dorthin zurückzugehen, wo sie damals berührt wurden. Ich glaube, eine uns fremde Religiosität können wir nur nachvollziehen oder nachempfinden, aber nicht wirklich verstehen.
Ich musste mich auch über Informationen von Spezialisten und Kennern einer Kultur hinwegsetzen, einfach weil ich ein ungutes Gefühl dabei hatte. Ich fand aber auch immer wieder wunderbare Hilfe, Menschen und Zufälle.
Es ist relativ leicht, wissenschaftliche Schriften zu finden, wenn man genau weiss, was man sucht. Als die Gebete feststanden, war dies dann auch die grosse Fleissarbeit.
Wenn ein Gebet in Sanskrit, in Hebräisch oder Arabisch vor mir liegt, kann ich es weder lesen noch aussprechen, weiss nicht was oben und unten ist, kann nichts unterscheiden, ein Punkt kann alles verändern. Alle in meiner Sprache mir vertrauten Dinge sind plötzlich weg, und ich bin auf Fachmänner und -frauen angewiesen, die vielleicht ihrerseits nicht an Religion oder Schrift als Kalligraphie oder an einem Stillen Raum in Schaffhausen interessiert sind.

Es war eine spannende Aufgabe. Erst als alle Gebete in ihrer Schrift und ihrer Länge feststanden, konnte ich mit der gestalterischen Arbeit beginnen. Immer wieder tauchten Details auf, die wesentlich waren, auch in der Ausführung.
Schwierig empfand ich manchmal auch, immer wieder in eine andere Kultur einzutauchen. Natürlich liefen die Informationen und Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Kulturen und Menschen und Instanzen gleichzeitig. Wenn ich zum Beispiel dabei war, die hebräische Schrift zu gestalten, dann war es mir einfach nicht möglich, plötzlich über Sanskrit oder phonetische Übersetzungen zu sprechen.
Zudem versuchte ich die Gebete in einer betenden Haltung zu gestalten.
Ich konnte nur in einer Kultur, an einem Bild wirklich arbeiten - wenn es fertig war, kam das Nächste. Dies ist wohl mit ein Grund, warum alles etwas länger dauerte als geplant.
Die Grösse der Bilder stand eigentlich nie zur Diskussion, ich arbeite fast immer mit dem Quadrat. Für diesen Raum eignete es sich sehr gut. Das Quadrat ist ein klares ruhiges Format. Auch das Glas wirkt leicht und transparent, so dass die fünf Bilder den Raum nicht zu sehr füllen oder beherrschen. Da war ich mir anfangs nicht so sicher: die Bilder durften nicht zu gross sein, aber auch nicht wie kleine Gebetstafeln wirken.

Die Bilder hängen nicht einfach an der Wand, sondern einige Zentimeter von der Wand entfernt von der Decke. Durch die Beleuchtung wird ein Schatten wie ein zweites Bild an die Wand dahinter geworfen. Das ergibt eine dreidimensionale Wirkung und verbindet vor allem die Bilder des Judentums, des Christentums und des Islam, die nebeneinander hängen. Sie wirken zusammen als ein Ganzes.

Pfarrer Joachim Finger wünschte in seinem wunderbaren Beitrag bei der Einweihung -- in dem er die Gebete vorbetete, erklärte und vorsang, wie es in fast allen Kulturen einmal Brauch war --, dass sich der Raum mit Spiritualität füllen möge. Ich wünsche es mir auch, und möchte meinen Dank dafür aussprechen, dass ich dazu beitragen durfte, dass dieser Raum so ist, wie er ist.



Werk-Biographie

* 1945. Aufgewachsen in Zürich, machte ich nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule eine Ausbildung als Dekorationsgestalterin.
Darauf folgten Lehr- und Wanderjahre in Genf, Kanada und England und in der sesshaften Phase danach, in der Ostschweiz, eine Zweitausbildung zur Musikgrundschullehrerin.
Eine angeborene Vielseitigkeit und meine Auslandaufenthalte führten mich zu sehr unterschiedlichen Tätigkeiten. Ich arbeitete u.a. als Ausstellungsgestalterin, Stilistin, Näherin und Musiklehrerin.

Im Leben immer auf der Suche, im Alltag vertraut im Umgang mit Materialien und einer Liebe für das Detail, begann ich vor etwa 10 Jahren Bilder zu gestalten.
Bei der Beschäftigung mit dem Raum entstand bald die Idee zu Bildern, die nicht nur an der Wand, sondern im Raume hängen. Und daraus der Versuch und die mir selbst gestellte Aufgabe: alles darf und soll sichtbar sein.

Der Grundstein meiner kalligraphischen und meiner jetzigen freien künstlerischen Tätigkeit überhaupt war die Begegnung mit Friedrich Weinreb und dem Judentum und später, nach seinem Tod, mit dem Sufismus - beides Kulturen, in denen Schrift und Schriftzeichen eine weitaus grössere Bedeutung haben als in unserer Kultur.

Die für die Kalligraphie erforderliche Disziplin hat etwas Meditatives. Sie zwingt auf den Boden, zum Handwerk und öffnet gleichzeitig Türen zum freien Gestalten. So erfahre ich, dass diese Dinge sehr nahe beieinander liegen.

Als Materialien verwende ich fast ausschliesslich Blattgold, sehr alte Seide und transparent wirkende Dinge aus der Natur.
Es geht mir nicht um eine neue Technik oder neue Inhalte.
Ich versuche Bestehendes neu zu sehen, ihm eine Form zu geben oder es anders zu ordnen.
Wenn es mir gelingt, bin ich glücklich.

Seit vier Jahren habe ich ein eigenes Atelier und wohne im Gambarogno im Tessin.

Ausstellungen Seit 1996 verschiedene Einzelausstellungen

Öffentliche Arbeiten Haus der Stille, Kapelle am Albis
Lassalle-Haus, Bad Schönbrunn
Kantonsspital Schaffhausen

Auftragsarbeiten Schweizerisches Jugendsymphonieorchester
Kantonsspital Schaffhausen, Raum der Stille
Private Auftragsarbeiten in Holland, Deutschland und der Schweiz




Copyright: Gabriela Gartrell Februar 2006

Weitere Informationen zu den Arbeiten von Gabriela Gartrell sind auf dieser Website zu finden.

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