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Jörg Mertin über

Sabine Kraft, Räume der Stille, 112 Seiten mit Abbildungen, Jonas Verlag Marburg, 2007, 13 Euro

Sabine Kraft ist Architektin und berät das Marburger Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in architektonischen Fragen. Ihre Studie über „Räume der Stille“ widmet sich einem Thema, das seit mehreren Jahren eine größer werdende Rolle spielt. Räume der Stille finden sich heute in Krankenhäusern und Altenheimen, in Bahnhöfen, Flughäfen und auf Messegeländen, in Schulen und an Autobahnen, sogar in Fußballstadien. Die Anlässe, die Räume der Stille entstehen lassen, sind dabei sehr unterschiedlich. Es sind gelegentlich Katastrophen (aktuelle und historische, individuelle und kollektive), die ausgehalten, bearbeitet und erinnert werden wollen, oft aber auch langfristig wirksame Belastungen, die die Menschen auf die Dauer erschöpfen. Hier geht es um Prozesse, die sich interessanterweise weitgehend ungesteuert von den grossen religiösen Institutionen vollziehen und sich jeweils aus lokalen oder regionalen Bedürfnissen und Interessen heraus entwickeln.

Vielleicht kann man diese Prozesse gar nicht gesamthaft betrachten und beurteilen. Das meint Horst Schwebel in seinem Vorwort auch, wenn er hervorhebt, dass Sabine Kraft „dort, wo andere etwas Einheitliches - immer das Gleiche - sehen, eine unermessliche Vielfalt erkannt“ hat. Immerhin legen es die Beobachtungen und Beschreibungen von Sabine Kraft nahe, von säkularen spirituellen Bedürfnissen zu sprechen, die in Räumen der Stille architektonisch und künstlerisch dargestellt werden. Auch wenn sie öfter keine eindeutige Botschaft im Sinne einer bestimmten Religion, Konfession oder Ideologie beinhalten und darstellen, so scheinen sie mir doch allesamt „säkulare Kirchen“ zu sein. Damit will ich sagen, dass sie auf vielschichtige und bedürfnisbezogene, also anthropologisch begründete Weise für viele Menschen heilsame Orte in einer als belastend und unheilvoll empfundenen Umgebung sind. So etwas waren die Kirchen und Tempel auch (insbesondere in ihrer historisch oft belegten Funktion als Zufluchtsort), und sie sind es für viele (und bei manchen Katastrophen auch für fast alle) Menschen immer noch. Aber diese traditionellen „Räume der Stille“ reichen anscheinend nicht mehr aus. Die Menschen und die Situationen sind in unseren offenen Gesellschaften so verschieden, dass auch verschiedene bauliche und spirituelle Antworten gesucht werden.

„Stille“ scheint mir eine Chiffre zu sein, die für ein Bedürfnis nach Entlastung und Ruhe steht. Der Gegensatz ist „Lärm“. Lärm wiederum ist eine Chiffre, die nicht die in Dezibel messbare Lautstärke meint, sondern Hektik und Unruhe, mit einem anderen Wort: Entfremdung. Man empfindet heutzutage ein immer stärkeres Bedürfnis danach, in Ruhe gelassen zu werden. Unsere Gesellschaften scheinen das zunehmend weniger zu respektieren. Werbung, Fernsehen, Verkehr, Ideologien, Politik, Erreichbarkeit, Flexibilität, alles ist gleich gegenwärtig, alles greift nach einem, nichts lässt einen in Ruhe. Sogar die in manchen Situationen artikulierten Vorbehalte gegen religiös getönte Räume der Stille werden öfter so formuliert, dass man die Menschen mit Ideologien und Religionen in Ruhe lassen soll. Das Gefühl, man selbst sein zu können, ist in Gefahr. Räume der Stille scheinen mir da eine Art Notwehrreaktion gegen Entfremdung zu sein, wodurch die Menschen ihre Chance verteidigen, sie selbst zu sein und wieder zu sich selbst zu finden.

Vielleicht ist der Urtypus des modernen Raumes der Stille in jenem Meditationsraum zu finden, den Dag Hammerskjöld 1957 in der UNO eingerichtet hat. Seine Ästhetik ist bis heute unverändert ansprechend, d.h. wesentlich neutral, zurückhaltend und gegenstandslos. Sakuläre Spiritualität bedeutet da, dass nach der großen Katastrophe des zweiten Weltkriegs, der einen seiner Urspünge in einer heillos aggressiven Ideologie hatte, ein nicht-ideologischer Raum die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt, eine Sehnsucht, die viele, wenn nicht alle Menschen eint, unabhängig von ihrer Ideologie und Religion.

Das Buch von Sabine Kraft hat im wesentlichen zwei Aspekte. Sie beschreibt zehn einzelne Projekte und versucht darüberhinaus, die verschiedenen architektonischen Gesichtspunkte zu ordnen, indem sie eine Typologie der Räume der Stille entwirft und zusammenfassend über Bau und Kunst der Räume schreibt.

Die Typologie besteht 1. aus den „traditionellen“ Kapellen, die von Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften errichtet und betrieben werden (z.B. manche Krankenhauskapellen, Wegkapellen, Autobahnkirchen). Gegenüber der Gemeindekirche sind sie allesamt auf die individuelle Andacht ausgerichtet. Diese Räume sind deutlich geprägt von den jeweiligen Religionsgemeinschaften.

Der zweite Typus sind multireligiöse Räume der Stille, in denen in eher additiver Weise unterschiedliche Religionen ihren Beitrag leisten.

Ein dritter Typ ist der multifunktionale, interreligiöse Raum. Er verzichtet in der Grundausstattung auf spezifische religiöse Zeichen. Verschiedene Religionen nutzen ihn nicht gleichzeitig, sondern nacheinander.

Neutraler, nämlich nicht mehr auf Bedürfnisse von Religionen ausgerichtet ist der vierte Typ, der universale Raum der Stille (Beispiel: der UNO-Meditationsraum). Es ist ein nicht-religiös genutzter, neutraler Raum, der sich universell über alles Trennende, Spezifische erhebt und es vereinen soll.

Sabine Kraft hat noch einen fünften Typ gefunden, den holistischen Raum der Stille. Es ist ein Raum, der einerseits neutral im Bezug auf Religion ist, andererseits aber ein Konzept vertritt, das ein klares Angebot beispielsweise für Stressabbau, Meditation, Gesundheitsförderung, Wellness, also für mentale und physische Regeneration enthält.

Diese Typologie ist ein Ordnungsversuch. Ich finde ihn schon etwas zu differenziert. Den zweiten und dritten Typ könnte man auch zusammennehmen, da es ja um ein Neben- und Miteinander von Religionen geht. Und der fünfte Typ nähert sich eigentlich wieder dem ersten an, insofern er einer Art Gesundheitsreligion Ausdruck verschafft. Aber hier muss man weiter sammeln und ordnen. Ich denke manchmal, dass man auch noch sparsamer unterscheiden könnte zwischen tendenziell eher leeren Räumen und „gefüllten“ Räumen. Wobei die leeren Räume eher direkt die Selbstbegegnung fördern, während gefüllte Räume dies indirekt über ein inhaltliches Angebot machen (religiös oder anthropologisch).

In der Praxis findet man sowieso öfter Mischformen. Das liegt an den sehr unterschiedlichen Gegebenheiten, die einen Raum der Stille entstehen lassen.

Was Bau und Kunst der Räume angeht, so ist Sabine Kraft der Meinung, dass Stille durchaus architektonisch inszeniert werden kann, oder besser, dass ihr Eintreten befördert und gestützt werden kann. Oft wird „Stille“ durch architektonische Reduktion auf das Wesentliche mit befördert. Wichtig ist, dass durch Konzept, Planung und Bau sinnliche Erfahrungen ermöglicht werden. Diese Erfahrungen dürfen aber nicht manipulativ, sozusagen durch ästhetische Stimulanzien hervorgerufen werden. Der Raum als solcher soll seine Wirkung entfalten, zum Ereignis werden, daher verbietet sich ein Zuviel an Beiwerk von vornherein.

Welche Wirkung der Raum am Ende beim Einzelnen hat, ist schwer vorauszusagen. Aber in der Planung ist dennoch sorgfältig über die Tendenz nachzudenken: Soll der Raum mehr Offenheit und Transparenz zeigen oder mehr Geschlossenheit und Geborgenheit, soll er eher Ehrfurcht befördern oder Entspannung? Steuerungsmöglichkeiten sind Architekten und Künstlern durchaus gegeben.

Sabine Kraft stellt dann die folgenden einzelnen Projekte recht detailliert, z.T. mit Bildern vor:

Kapelle am Weg, ev. Kirche Münchhausen (2000)
Haus der Stille, Benediktinerabtei Meschede (2001)
Krankenhauskapelle Städt. Krankenhaus Friedrichshafen (2002)
Abschiedsräume Besattungsunternehmen Voss, Paderborn (2003)
Raum der Stille, Gutenberggymnasium Erfurt (2005)
Kirchen-Center, Messe Frankfurt (1990)
Autobahnkirche Medenbach (2001)
Gedenkraum Flughafen Düsseldorf (2001)
Kapelle Fussballstadion Schalke (2001)
Brandenburger Tor, Berlin (1994)

Ich finde, dass das Buch dem Gegenstand gut entspricht. Es beschreibt einzelnes und versucht, behutsam, Gemeinsames zu erfassen. Da bei solchen Räumen der architektonische Aspekt sehr wichtig ist, hat das Buch die richtige Autorin gefunden. Ebenfalls interessant wäre eine vergleichbare Arbeit unter mehr künstlerischen Gesichtspunkten. Sabine Kraft erwähnt auch ein amerikanisches Buch, das unter dem Gesichtspunkt Natur und Landschaft anregend zu sein verspricht: Michael Freeman, Meditative Spaces, New York 2005.

Kurzinformationen sind auf der Website des Verlags erhältlich (Architektur und Hausforschung).

aufgenommen am 13.1.2007

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